Ritterkreuzträger Max Zastrow
Probe-Kapitel

 
                                            

_______________________________________________________________________________________________________________________

Auf zum Ritterkreuz

Am frühen Morgen dieses Tages sammelten sich die Handvoll Pioniere unter der Führung eines jungen Leutnants sowie einige Infanteristen in einem großen Erdbunker, wie er hundertfach entlang der Hauptkampflinie der 45. ID angelegt war.

Gerade als der Stoßtruppführer mit dem Feldstecher durch einen der mit Sandsäcken verstärkten Sehschlitze hinüber zu den Russen blickte, begann das dumpfe Grollen der schweren Artillerie. “Fertig machen”, sagte er ruhig. „Gleich geht´s los. Flammenwerfer einsatzbereit, vergesst die Granaten nicht. Wenn ihr draußen seit, links halten  - drüben Augen auf und aufpassen.“

Gefreiter Zastrow sah kurz seinen Kameraden Klimmberg an, der drehte schon den Hahn für die Flüssigkeitszufuhr vom Rückentank zum Flammenwerfer auf. Der Flammenwerfer-1 trug an diesem Tag eine der wenigen weißen Tarnjacken, welche die Kompanie erreicht hatten.

Noch immer hämmerte die Divisionsartillerie, geleitet von einem Beobachter in einem benachbarten Bunker, auf die gegnerischen Stellungen ein. Nur hundert Meter weiter, am Westufer der breiten Beresina, zogen die Rotarmisten die Köpfe ein. Artillerie läutete meist einen Angriff oder einen Stoßtrupp ein – wie schon so oft in den letzten Tagen.

Der Stoßtruppführer blickte auf die Uhr – in zehn Sekunden ist das Ende für die Artillerie vereinbart. Drei – Zwei – Eins – Los! Raus aus dem Bunker!

Nur Sekunden später erhielt der Leutnant von einem drüben losfeuernden MG einen Kopfschuss. Das MG schoss sehr genau, erwischte noch einige weitere Soldaten des Trupps und zwang alle in Deckung. Im Kugelhagel in den Bunker zurückgetaumelt, war der Stoßtrupp gescheitert, bevor er richtig angefangen hatte. Drüben schossen die Russen aber immer noch wie verrückt...

Zu allem Überfluss hatte der Versuch, mit einer große Flammenwerfer-Säule dem Feind-MG zumindest die Sicht zu nehmen, nichts bewirkt – die tolle neue Ausrüstung schien defekt zu sein – es tat sich nichts.

„Scheiße!“ rief Zastrow. „Wie konnte das passieren – erster Einsatz und der Mist funktioniert nicht“. Klimmberg war noch immer ganz verdattert und wusste kaum was los war. Mit einem Rumpeln warf Zastrow den defekten Flammenwerfer in eine Ecke des Bunkers.

Doch da sagte ein Kamerad der Infanterie, der alles vom Bunker aus beobachtet hatte – belanglos und wahrscheinlich nicht ernst gemeint – „na ... ihr Pioniere habt wohl heute keine Lust zum kämpfen“ und grinste höhnisch.

„Hast du den Deppen gehört, Herbert!? Das kann ja wohl nicht war sein. Komm, dem zeigen wir´s ...“, stachelte Zastrow kurzerhand zurück.

Trotz der Versuche seiner Kameraden, den jungen Gefreiten davon abzubringen,

verließ dieser den Bunker und lief entlang der eigenen HKL etwa 100 Meter zu einer leichten Geländeerhöhung. Dort organisierte er sich von einer Gruppe in Deckung liegender Infanteristen Handgranaten und verstaute sie in diversen Taschen und im Gürtel.

Was in den nächsten Minuten geschah, sollte Max Zastrow einen der höchsten Tapferkeitsorden des Krieges einbringen.

 Bewaffnet mit seinen ca. sechs Granaten, wohlgemerkt ohne eine weitere Pistole oder Maschinenpistole, robbte der Österreicher trotz des MG-Feuers entlang der Flanke des Gefechtsfeldes durch das Niemandsland auf eines der russischen MG-Nester zu. Ob den einzelnen Landser im tobenden Schusswechsel niemand bemerkte, er die Deckung von Granattrichtern und Geländeunebenheiten geschickt ausnützte oder einfach das Glück des Tapferen eine Rolle spielte, ist Max Zastrow selbst nicht klar.

Auf jeden Fall fand sich der Pionier wenig später keine zehn Meter weit vom Feindbunker in einem Granattrichter wieder. Die erste geworfene Stielhandgranate traf die große Schießscharte – eine Explosion  - der Bunker war ausgeschaltet. Am Boden robbend, erreichte Zastrow nunmehr bereits jenen Schützengraben, der die einzelnen Russen-Bunker miteinander verband. Hier hätte sich zuvor eigentlich der Stoßtrupp sammeln sollen und von hier aus hätte Zastrow dann, gedeckt von der nachstoßenden Infanterie, weitere Bunker ausräuchern können.

Aber nun war die Situation anders und das wurde Zastrow erst jetzt richtig bewusst. Niemand war dem Einzelkämpfer gefolgt – sowohl Klimmberg, als auch die Infanteristen waren verdutzt drüben im Bunker geblieben. Vielleicht hatten sie gar nicht damit gerechnet, dass der junge Heißsporn wirklich den Versuch unternehmen würde, zum Iwan rüber zu kommen. Zastrow war nach der Zerstörung des ersten Bunkers in einer gefährlichen Situation. Keine MP, kein Karabiner – nur einige Handgranaten, welche wohl kaum für einen Nahkampf im Schützengraben geeignet waren.

Doch das Abwehrfeuer der übrigen Bunker auf die deutschen Stellungen drüben war inzwischen so stark, dass der Rückweg abgeschnitten war. Der einsame Pionier saß quasi auf der falschen Seite der Front fest!

Gerade als Zastrow vor dem zerstörten Bunker eine russische MP fand und aufhob, traf ihn ein Schuss – wohl ein Querschläger, denn er sah keinen Schützen und wurde auch nicht weiter beschossen – in den linken Unterarm. Doch auch trotz dieser schmerzhaften und hinderlichen Verletzung setzte Zastrow seinen Weg nun fort.

Die MP im Anschlag, arbeitete sich Zastrow vorsichtig zum nächsten Bunker vor, zog eine Granate ab und brachte das MG darin zum Schweigen. Nur Sekunden später zerrissen zwei Detonationen auch den dritten Bunker des an der Beresina liegenden sowjetischen Schützenregiments. Der Schlüssel zu diesem beeindruckenden Erfolg des einzelnen Pioniers ohne jegliche Unterstützung war die Tatsache, dass die Russen den ersten zerstörten Bunker wohl einem Artillerietreffer zugeschrieben hatten – war der Stoßtrupp doch abgewehrt worden! Nun, als der dritte Totalverlust diese Annahme als falsch entpuppte, war es zu spät – inzwischen hatte ein Oberfeldwebel der Infanterie die Zeichen richtig gedeutet, mit einem Fernglas den mutigen Zastrow drüben entdeckt und einen neuen Stoßtrupp rübergeführt. Erst als diese Verstärkung eintraf, beendete Zastrow seinen Alleingang und trat, durch den Blutverlust bereits geschwächt, den Rückweg zu den eigenen Linien an. Unterwegs las er dann auch noch den verwundeten Klimmberg auf, welcher mit dem neuen Stoßtrupp nachgekommen und prompt durch Granatsplitter verletzt worden war. Mit letzter Kraft konnte Zastrow seinen Freund mit seinem gesunden Arm stützen und erreichte völlig fertig den eigenen Bunker.

Unmittelbar, nachdem der ungewollt zum Helden gewordene Zastrow mit Klimmberg die eigenen Linien erreicht hatte, kam ein Hauptmann – sein Name ist unbekannt – auf Zastrow zu und sprach ihn an. Wie sein Name sei und ob er zu den Pionieren gehörte, wollte er wissen. „Gefreiter Max Zastrow – 2./Pionierbataillon 81“, war die knappe Antwort des verwunderten Bunkerknackers. „Was will der denn nun von mir?“ ging Zastrow noch durch den Kopf, jedoch seine eigenen sowie Klimmbergs Wunden waren nun wichtiger. Als der Gefreite später im Divisionslazarett verarztet wurde, dachte er schon nicht mehr an den ihm unbekannten Offizier.